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Silvester 2015, Predigt zur Jahreslosung 2016: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jesaja 66, 10-13) PDF Drucken E-Mail

 

Der Geist Gottes erfülle euch alle, Amen!

Im dritten Teil des Prophetenbuches Jesaja wird uns ein Wort zugesprochen, voll von Leben, voll des Trostes, voller Zuversicht.

Ich lese Jesaja 66, 10-13

10 Freuet euch mit Jerusalem  und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt!

Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes;

Denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.

12 Denn so spricht der Herr:

Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.

Ihre Kinder sollen auf den Armen getragen werden,

und auf den Knien wird man sie liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Erinnert Ihr euch an eure Schulzeit?

Manchmal, mittags, wenn es zum Schulschluss klingelte,

dann spie das Gebäude seine Insassen aus.

Als sei da drinnen ein Überdruck, der sich nur durchs Portal entlädt.

Laufend, rufend, kreischend, stürzen Kinder hervor,

verteilen sich in Richtung der Bushaltestelle  und der verschiedenen Heimwege.

Unter ihnen auch Gestalten, die aussehen wie alte Krieger, die aus der Schlacht heimkehren.

Große, schwere Ranzen auf viel zu schmalen Schultern.

Stolpernder Gang, Blick nach unten gerichtet.

Wer waren wir, die schnellen, die schleichenden?

Wohl wechselnd mal bei diesen, mal bei jenen.

Kennt man noch das Gefühl derer, deren Ranzen so überdimensioniert schienen,

als trügen sie nicht nur Schulbücher, sondern die Last der Welt?

Nur noch nach hause…weg hier…für heute habe ich genug,

ich will überhaupt nicht mehr hier her kommen, vieles nur gefühlt, gar nicht in klaren Worten und Gedanken angekommen.

Doch da war bei manchen eine Hoffnung.

Dass sich beim Klingeln daheim an der Haustür eben nicht nur eine Türe öffnet, sondern viel mehr.

Die Mutter ist da.

Sie zu sehen, war schon gut.

Nicht viele Worte gab es.

Dafür das Mittagessen.

Dann die einsetzende Entspannung.

Öffnende Fragen, wie war´s denn heute?

Und manchmal war man nicht verstockt geblieben, sondern es strömte alles raus:

Die misslungene Aufgabe, der abweisende Freund, die dummen Bemerkungen, der spöttische Lehrer, die ganze Last.

Sie war da, die Mutter, sie hörte zu.

Wenige von uns hatten die Chance, dem Vater so etwas zu sagen.

Die meisten Väter arbeiteten mittags woanders.

Kamen abends ungefähr genauso fertig von der Arbeit, wie man selber aus der Schule.

Schuhe aus, Hausschuhe an, Abendessen, ein Bier, ein paar Alltagsgespräche.

Vielleicht redeten Vater und Mutter hinter verschlossener Schlafzimmertür über das,

was sie erlebt hatten, was sie befürchteten, was sie erhofften.

Hatten auch sie genug?

Unser Predigttext mit seinen überbordenden Bildern kreatürlicher Mütterlichkeit malt die Fülle der Gottesliebe aus.

Es ist ein Wort an Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht, die Lasten tragen, die sie kaum bewältigen können. Subjektiv sind diese Lasten kaum zu stemmen.

Von außen werden sie vielleicht ganz anders gesehen.

Werden relativiert. So schlimm ist das doch gar nicht.

Doch, für mich oder für dich ist es schlimm,

was wir da zu tragen haben.

Und wir fragen nach Erleichterung.

In dem biblischen Text, der unserer Kantate „Ich habe genug“ von Johann Sebastian Bach zugrunde liegt, ist es das drückende Alter. Simeon, uralt geworden, hat das Christuskind gesehen, das verheißen worden ist.

Nun sagt er erleichtert, ich habe genug, nun darf ich in Frieden gehen.

Sein Kreis ist vollendet.

Die ganze Todessehnsucht, die Bachs Werk durchzieht,

im Barock als Melancholie und Weltüberdruss ein Lebensgefühl darstellt, ist die dunkle Seite.

Die helle Seite ist das in satten Farben gemalte Mutterglück, die Rubensschen dicken Frauen mit den vollen Brüsten, das schimmernde Fleisch.

Beides gehört im Barock zum Menschen: die schiere Sinnenfreude und das bange Bewusstsein der Sterblichkeit.

Sehr untemperiert.

Sehr leidenschaftlich. Volle Brüste und der Sensenmann mit Stundenglas.

In Spannungen leben wir – also auch heute in diesem Gottesdienst.

Wir verabschieden uns vom alten Jahr, von den Lasten, die es manchem auferlegt hat.

Wie verabschieden uns auch in der Erinnerung an Freuden, die uns geschenkt wurden,

mit denen wir andere Menschen glücklich machten.

Welche von den Kindern bei Schulschluss waren wir, wenn wir heute Bilanz ziehen?

Eher die kreischend, rasend befreiten, ausgespien aus dem alten Portal,

oder die schlurfenden, übergroße Ranzen tragenden, kleinen Greise?

Irgendwo dazwischen?

Haben wir inzwischen einen Platz gefunden, wo wir ankommen können?

Wo wir uns öffnen dürfen?

Wo wir in die Arme genommen werden.

Wirklich oder in übertragenem Sinn…

Unsere Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich.

Vom Leben im Mehrgenerationenverband bis zum Singledasein.

Die Grundbedürfnisse bleiben gleich, bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe und Schicksale.

Ich selbst sein dürfen – Heimkommen können – dazu gehören.

Trost finden.

Das Jesajawort ist an Menschen in existentieller Not gerichtet.

An Menschen, displaced persons, die nach Kriegs- und Gewalterfahrung ganz neu anfangen müssen.

Menschen mit einem ähnlichen Erfahrungshintergrund wie die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen.

An sie alle erging und ergeht das Wort vom Trost Gottes.

An jene Juden im Exil, die unsere Vorgänger im Glauben sind.

An Menschen mit der Grunderfahrung der Instabilität.

Worauf kann ich mich eigentlich verlassen?

Die Glaubensantwort heißt:

Da, wo alles ins Wanken kommt, alles ins Fließen, ins Unsichere, bleibt eine Gewissheit:

Wo Menschen scheitern, bleibt Gott im Spiel.

Im Bild der Mutter, die uns das schenkt, was wir brauchen, die Nahrung und den Trost, bilden wir den unsichtbaren Gott ab.

Besser gesagt, einen Aspekt Gottes.

Doch wenn ich solche Worte lese und spreche, meldet sich bei mir der nie ganz schlafende Hund des Zweifels und knurrt warnend:

Achtung, gib keine frommen Worte, tröste, vertröste nicht!

Bist du sicher, dass deine Worte abgedeckt sind von Wirklichkeit?

Bist du sicher?

Wenn mein alter Begleiter, der in die Jahre gekommene Zweifelshund, ein ziemlich zäher Bursche übrigens, sich meldet,

kann ich ihm nur Folgendes entgegnen:

Das, was da biblisch verheißen wird, ist dann Trost – und nicht Vertröstung – wenn es im Leben eingeholt wird.

Ich brauche Zeugen.

Zeugen, die von ihrem Leben sprechen.

Menschen, die Teil haben und Erfahrungen ausdrücken können.

Das ist der Sinn jenes Satzes aus dem Glaubensbekenntnis: Gemeinschaft der Heiligen.

Ich brauche zur Vergewisserung meines Glaubens und meiner Zweifel die lebendige Gemeinschaft derer, die sich gleichfalls auf den Weg mit Gott gemacht haben.

Ich kann nicht alleine als religiöser single durch Zeiten des Zweifels kommen.

Trost wird mir geschenkt.

Trost schenke ich.

Da braucht es schon zwei.

Und wenn die zwei im Extrem auch Gott und ich sind,

im täglichen Leben ist es der Mitmensch.

Der Zeuge dafür, dass Gott uns Leben schenkt und Trost.

Bach lässt den alten Simeon mit seinem „ich habe genug“ in Frieden fahren.

Seine Todessehnsucht ist in Wirklichkeit verbunden mit größter Hoffnung, dem Hiobwort: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Aus der Tiefe der Leiderfahrung ruft uns diese Stimme ins Leben.

Ins Vertrauen auf den Messias Gottes, der die Last und die Lust des Lebens kennt und mit uns teilt, an dessen Tisch wir körperlich Brot und Wein empfangen und Worte des Trostes hören.

Mit ihm verlassen wir dieses alte Jahr und gehen in ein Neues:

Denn in seiner Liebe haben wir genug!

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren – wie du gesagt hast: denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!

In all den Zeugen, die mir deine Liebe dargebracht haben.

Gottes Friede erfülle uns alle, Amen !



Pfr. Dr.  Benner